Blühstreifen alleine reichen nicht

Broschüre "Empfehlungen  "Ackerränder sollen wieder Lebensraum für Tiere und Pflanzen werden

Kreis Kassel - In immer mehr Blühstreifen summt es im Kreis Kassel. Doch oft sind sie einsame Inseln zwischen Straßen und Feldern. Das soll sich jetzt ändern. Der Zweckverband Raum Kassel (ZRK), der Landkreis und der Naturpark Habichtswald wollen die grüne Infrastruktur ausbauen und Biotope vernetzen. Im Blick haben sie Säume und Feldwege. Das Ziel: diese als Lebensraum für Flora und Fauna zurückzugewinnen. Empfehlungen gibt es in einer neuen Broschüre.

So sieht es vielerorts noch aus: Kurz gemäht und nur mit Gräsern bewachsen. So sieht es vielerorts noch aus: Kurz gemäht und nur mit Gräsern bewachsen.

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So sollte es aussehen: Ein Randstreifen voller unterschiedlicher Arten, besonders auffällig die blühende Wegwarte. So sollte es aussehen: Ein Randstreifen voller unterschiedlicher Arten, besonders auffällig die blühende Wegwarte.

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In einem ersten Schritt wurde der Istzustand erhoben. „Wir haben Geodaten und Luftbilder analysiert“, sagt Claus Neubeck, der beim ZRK für das Thema zuständig ist. Dabei zeigte sich, dass im Schnitt ein Prozent der Ackerfläche verlorene Säume und Wege sind, die eigentlich den Kommunen gehören. Die gilt es zurückzugewinnen: „Allerdings sodass es Sinn für alle Beteiligten macht“, sagt ZRK-Verbandsdirektor Kai Georg Bachmann. An manchen Orten sei es zum Beispiel besser Ausgleichsflächen zu schaffen, statt auf der sturen Einhaltung alter Wege zu bestehen. „Auch deshalb setzen wir auf Beratung und Dialog“, sagt Neubeck. Es werden Fragen von der Finanzierung bis zum richtigen Saatgut geklärt.

„Über die Jahre hat sich zwischen Kommunen und Landwirten eine schlechte Dynamik eingeschliffen“, sagt Bachmann. Säume erfordern Pflege, die die Kommunen leisten müssten. Gleichzeitig habe sich die Landwirtschaft verändert. Schläge und Maschinen seien größer geworden. Nicht länger würden die Säume als Weidefläche gebraucht. Und so würde der Istzustand von den Kommunen dankend hingenommen.

Keinesfalls gehe es darum, jemanden an den Pranger zu stellen, sagt der Erste Kreisbeigeordnete Andreas Siebert. Die Empfehlungen seien in Absprache mit Kommunen, Landwirten, Jägern, Wanderern und Naturschützern entstanden und sollen all diese Interessen vereinen.

Das bisherige Engagement der Bauern etwa in Form von Blühstreifenpatenschaften sei eine gute Ergänzung zur Saumpflege. „Allerdings muss man auch sagen, dass viele Blühstreifen auf hübsche Zierarten setzen und kurzfristig angelegt sind“, sagt Neubeck. Das biete nicht die idealen Voraussetzungen für Arten wie die Wildbiene. Die bräuchte zum Beispiel Möglichkeiten zum Überwintern. Daher mag sie, wie viele Arten, keine häufige Mahd. „Da wäre es besser, weniger und zu anderen Zeiten zu mähen. Mähen ist aber immer noch besser als Mulchen“, sagt Neubeck. Details wie solche, so eine der Hauptempfehlungen, sollten in Pflegekonzepten der Kommunen festgeschrieben und dann auch regelmäßig überprüft werden. Dafür gibt es auch Vorlagen in der Broschüre.

Hinweis: Die Broschüre gibt es zum Herunterladen, sowie beim ZRK am Ständeplatz 13, beim Naturparkzentrum Habichtswald und bei den Verwaltungen Ahnatal, Calden, Ahnatal, Vellmar, Fuldatal. Niestetal, Kaufungen, Lohfelden, Fuldabrück, Baunatal und Schauenburg.

Kai Georg Bachmann Kai Georg Bachmann
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Dr. Claus Neubeck Dr. Claus Neubeck
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Initiative für mehr Artenvielfalt im Habichtswald

Nicht nur ZRK, Kreis und Naturpark machen sich für die Pflege von Säumen und Feldwegen stark, sondern auch Bürger. Für die Gemeinde Habichtswald haben Klaus Fröhlich und Ex-Landrat Dr. Udo Schlitzberger einen Leitfaden erstellt und Gemeindevertretern, Landwirten und Naturschützern zur Verfügung gestellt. Die Resonanz sei positiv gewesen.

Fröhlich geht nach Recherchen von 30 Hektar Gras- und Heckenflächen in Habichtswald aus, die aufgearbeitet werden könnten. Schlitzberger und Fröhlich raten, auf weiteren Stickstoffeintrag zu verzichten. Das heißt: Mähen statt Mulchen und Schnittgut entfernen. „So wird der Nährstoffeintrag reduziert, die Böden werden mager und die Artenvielfalt nimmt zu“, so Fröhlich.

Wie gut das funktioniere, zeige das Beispiel der Stadt Bamberg, die vor 20 Jahren ihre Pflege umstellte. Ein Vergleich der Artenzahl 1999 und 2013 habe eine positive Veränderung gezeigt. Aus 320 Farn- und Blütenpflanzen wurden 454.

ant

Dr. Udo Schlitzberger Dr. Udo Schlitzberger
Autor des Leitfadens
Klaus Fröhlich Klaus Fröhlich
Autor des Leitfadens