Die Mitte hat noch immer Potenzial

STANDORTANALYSE

Im Raum Kassel/Bad Hersfeld wird es zwar immer schwieriger, geeignetes Fachpersonal zu bekommen, aber das Potenzial der Region ist noch lange nicht ausgeschöpft.

Es ist nicht verwunderlich, dass die Region Nordhessen mit ihren Kreisen Kassel, Waldeck-Frankenberg, Werra-Meißner, Schwalm-Eder und Hersfeld-Rotenburg eine so große Bedeutung für die Logistikwirtschaft hat: Sie liegt genau in der Mitte von Deutschland und Europa. Nirgendwo sonst in Deutschland können Bestellungen daher so spät angenommen und dennoch am nächsten Tag sicher im ganzen Bundesgebiet ausgeliefert werden.

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Die Wirtschaftsförderer der Region werben offensiv mit dieser „Latest Cut-off-Zeit“ und haben sich den treffenden Slogan „Komm in die Mitte“ ausgedacht. Inzwischen wird die Region auch unter dem Namen „Mitte Deutschland“ vermarktet, wenngleich dieser Begriff geografisch auch ein wenig weiter gefasst ist und zum Beispiel auch das niedersächsische Göttingen einbezieht.

Die internationalen Logistikdienstleister und die großen Unternehmen der verladenden Wirtschaft mussten sich aber ohnehin nicht lange bitten lassen und haben hier längst ihre größten Zentrallager errichtet. Vor allem in und rund um Bad Hersfeld, wo die „latest drop-off time" für innereuropäische Sendungen dank der geografischen Lage bei 21 Uhr liegt. Verlader gewinnen damit einen Zeitvorteil von bis zu vier Stunden, den der Landkreis mit der eigens eingerichteten Internetseite www.plus-4-faktor.de anpreist.

Das lange offene Zeitfenster wird auch durch die Infrastruktur und insbesondere das Straßennetz begünstigt, wie Uwe Veres-Homm, Geschäftsfeldkoordinator Logistik, Transport & Mobilität von der Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Supply Chain Services SCS, erläutert. „Die Autobahnen A4, A5 und A7 fungieren als leistungsfähige Hauptachsen im innerdeutschen Verkehr und haben nur eine vergleichsweise geringe Stauneigung.“

Der Umschlag von Luftfracht spiele in der Region dagegen kaum eine Rolle. Obwohl der Flughafen Kassel-Calden dafür ausgelegt sei, werde vorzugsweise das nahe Luftfrachtdrehkreuz des Frankfurter Flughafens angesteuert. Eine wichtigere Rolle für den Frachtverkehr spiele aber die Bahn - vor allem dank der multimodalen Containerterminals in Malsfeld und Philippsthal sowie dem Güterverkehrszentrum in Kassel.

Das 85 Hektar große GVZ mit seinem direkten Autobahnanschluss an den Industriepark Kassel-Waldau und die Gewerbegebiete von Lohfelden und Fuldabrück gehört fraglos zu den logistischen Vorzeigestandorten der Region. Das vom Zweckverband Raum Kassel (ZRK) entwickelte Areal ergänzt die größte zusammenhängende Industrie- und Gewerbefläche Nordhessens im Drei-eck der Autobahnen A 44, A 49 und A 7.

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Michael Heß
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"Der Umschlagbahnhof im GVZ Kassel boomt ohne Ende."

Michael Heß

Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Das 85 Hektar große GVZ Kassel im Süden der Stadt ist ausgebucht.

Reges Logistikleben

Freie Plätze gibt es im GVZ allerdings nicht mehr. „Letztes Jahr haben wir die letzten beiden noch verfügbaren Flächen, die jeweils ungefähr so groß waren wie ein Fußballplatz, an einen Spediteur und einen Logistiker verkauft. Seither ist hier alles voll“, so Michael Heß vom ZRK. Dass er nun weiterhin munter eintrudelnde Anfragen nach Flächen im GVZ ablehnen muss, bewertet er als Beispiel für ein äußerst erfolgreiches interkommunales Wirtschaftsprojekt und die hohe Attraktivität des Standortes. Nicht zuletzt, weil in dem GVZ reges Leben herrscht. „Durch den zunehmenden Containerumschlag boomt gerade der für jedermann zugängliche Umschlagbahnhof ohne Ende“, so Michael Heß.

Überdurchschnittlich viele Logistikflächen werden in der Region für die Automobillogistik genutzt, was nicht zuletzt an den VW-Standorten in Kassel und Baunatal liegt. Allein der Automobilkonzern bewirtschaftet in Nordhessen 810 000 Quadratmeter Fläche. Dagegen wirken die Anlagen anderer großer Verlader wie Amazon (140 000 Quadratmeter), Bettenwelt (65 000 Quadratmeter), Libri (65 000 Quadratmeter) und Edeka (50 000 Quadratmeter) fast schon klein. Aufseiten der Logistikdienstleister sind Rudolph Logistik (200 000 Quadratmeter), DHL (180 000 Quadratmeter), Zufall Logistics (70 000 Quadratmeter), Neovia (50 000 Quadratmeter) und der KEP- Dienstleister Hermes (30 000 Quadratmeter) die Platzhirsche.

Aktiv betreut und vermarktet werden die Flächen des „Mobilitätsclusters Nordhessen“ im Auftrag der Regionalmanagement Nordhessen GmbH vom Netzwerk MoWiN.net, einem Zusammenschluss von Unternehmen und Institutionen aus den Branchen Automotive, Logistik, Bahntechnik, Mobilitäts- und Verkehrsmanagement, Elektromobilität sowie Öffentliche Verkehrssysteme.

Neben regelmäßigen Clustertreffen wird in zweijährigem Turnus ein „Logistiktag“ beziehungsweise eine „Logistiknacht“ organisiert. Als der damalige Regionalmanager Holger Schach, der kürzlich unerwartet verstorben ist, beim Logistiktag im Juni letzten Jahres verkündete: „Nordhessen hat als Mitte Deutschland stärker vom Wachstumstreiber Logistik profitiert als andere Regionen“, war ihm die Zustimmung der 120 Besucher in der documenta-Halle in Kassel sicher.

Allerdings hat der Erfolg auch unerwünschte Konsequenzen. Zum einen werden in den besten Regionen allmählich die Flächen knapp. Nicht nur das GVZ in Kassel ist ausgebucht, auch der Standort Bad Hersfeld hat ein Platzproblem. Hinzu kommt der wachsende Mangel an Fachkräften. „Mit einem Anteil von über 22 Prozent ist der Anteil der Logistik an den gesamten Arbeitsplätzen im Landkreis Hersfeld-Rotenburg fast dreimal so hoch wie im bundesweiten Durchschnitt. Doch weil gerade im Fahrer- und Lagerbereich zahlreiche Mitarbeiter in den nächsten Jahren in Rente gehen, können die Kollegen oft nicht mehr eins zu eins ersetzt werden“, analysiert Uwe Veres-Homm. An Führungskräften mangelt es dagegen nicht. Dafür sorgen auch die Universität Kassel, die Hochschule Fulda und die Berufsakademie Bad Hersfeld mit ihren spezialisierten Angeboten für qualifizierten Logistiknachwuchs.
 

Platz im Norden und Osten

Das Flächenproblem hält sich gleichwohl in Grenzen. Vor allem im Norden und Osten der Region gibt es noch attraktive Grundstücke. Die von Fraunhofer SCS betriebene Informationsplattform „L.Immo-online“ siedelt die Flächenverfügbarkeit daher im Vergleich zu anderen deutschen Logistikregionen „im oberen Mittelfeld“ an und bilanziert: „Die Region ‚Mitte D’ zählt mit einem durchschnittlichen Neubauvolumen von rund 70 000 Quadratmetern pro Jahr zu den weniger dynamischen Logistikregionen in Deutschland.“ Allerdings sei die Neubauaktivität in den letzten beiden Jahren wieder auf jeweils über 80 000 Quadratmeter angewachsen.

Auch Sabine Messerer, Logistikimmobilienberaterin Hessen beim deutschen Flächenvermarkter Logivest, sieht weiterhin gute Perspektiven: „Die Region ‚Mitte D‘ ist ein vergleichsweise junger Logistikstandort. Durch den E-Commerce und die Digitalisierung der Industrie kann ihre Bedeutung für die bundesweite Zentraldistribution in der absehbaren Zukunft noch deutlich wachsen.“

Autoren: Jürgen W. Konrad, freier Journalist, Bremen, und Hans-Jörg Werth, freier Journalist, Scheeßel.